Aufwärmübungen für Schreiberlinge

Wenn ihr euch an den Schreibtisch setzt, fangt ihr dann sofort an zu schreiben? Oder braucht ihr erst eine Weile, um in Stimmung zu kommen? Die berühmten verlorenen Viertelstunden, in denen ihr eure Lieblingswebsites besucht, doch noch schnell ein paar E-Mails beantwortet oder einfach nur Löcher in die Luft starrt auf der Suche nach dem ersten Satz?

Sänger oder Tänzer haben es in dieser Hinsicht viel einfacher. Aufwärmübungen gehören für sie zur täglichen Routine. Keinen verwundert es, wenn Tänzer sich auf dem Boden sitzend dehnen und recken. Keiner schaut befremdet, wenn Sänger geräuschvoll ein- und ausatmen oder ihr Gesicht in Grimassen verziehen.

Für Schriftsteller gibt es keine vorgeschriebene Aufwärmroutine. Unsere persönlichen Rituale fühlen sich oft eher an wie ein Vermeidungsritual: den Schreibtisch aufräumen, eine Tasse Kaffee oder Tee holen, in alten Notizen blättern. Sollten wir nicht an unserem Text arbeiten? Die eine schwierige Szene oder das komplexe Argument, an dem wir das letzte Mal hängen geblieben sind, weiterentwickeln? Etwas “richtiges” schreiben?

Aber genauso wie Tänzer und Sänger sich aufwärmen müssen, bevor sie schwierige Pirouetten oder Partituren in Angriff nehmen, brauchen Schreiberlinge ihre Aufwärmübungen. Kurze Übungen, um unsere Schreibmuskeln aufzuwärmen. Hier sind ein paar Beispiele:

 

  • Notiere alle Wörter, die dir einfallen und die mit dem Buchstaben “s” anfangen. Schreibe für 5 Minuten ohne Unterbrechung und ohne nachzudenken.
  • Schreibe eine kurze Szene in der die folgenden Wörter vorkommen: Knopf, erinnern, Buch, warm. Schreibe 10 Minuten lang ohne Unterbrechung und ohne nachzudenken.
  • Notiere den folgenden Satz auf einem leeren Papier: “Als ich 8 Jahre alt war ….”. Beende den Satz und schreib 10 Minuten lang weiter, ohne den Schreibfluss zu unterbrechen.

 

Diese Übungen helfen Schriftstellern dabei, eine Neuronenverbindung zwischen Gehirn und Hand herzustellen – sprich Gedanken zu verbalisieren. Diese Übungen sind reiner Selbstzweck, es geht also nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Erfahrene Schriftsteller können die Übungen an das jeweilige Schreibprojekt, mit dem sie gerade beschäftigt sind, anpassen. Und mit mit ein wenig Glück – und Übung – kommen einem dabei die besten Ideen.

 

Vielleicht denkt ihr euch jetzt: Okay, ich hab mich aufgewärmt. Und jetzt?!

Jeder, der ein klassisches Konzert besucht, kann beobachten wie die Musiker ganz informell das Podium betreten, ihre Plätze einnehmen, die Noten zurechtlegen, auf dem Stuhl hin und her rutschen bis sie die bequemste Ecke gefunden haben und dann ihr Instrument stimmen. Erst wenn der Dirigent die Bühne betritt, wird es still, Applaus erklingt und nach einem Moment der Konzentration beginnt das Konzert.

Die große Frage ist: wer oder was ist der Dirigent?

Meine Antwort: ein Teil unseres Bewusstseins, das uns dabei hilft, uns zu konzentrieren, bei der Sache zu bleiben und unseren Einsatz nicht zu verpassen.

Diesen Dirigenten gilt es jeden Tag aufs Neue zu finden.

 

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