Der falsche Mythos des leidenden Schriftstellers

Es gab Zeiten, in denen ich davon überzeugt war, dass schreiben unglaublich schwierig ist, fast schon qualvoll – und vor allem glaubte ich, dass es so sein sollte.

Ich war nicht die einzige, die dieser Überzeugung anhing. In unzähligen Artikeln und Blogs wird beschrieben wie mühsam die Arbeit des Schreibens ist. Berühmte Schriftsteller werden regelmäßig mit der Frage konfrontiert, mit welchen Ritualen sie sich für die peinigende Arbeit an ihrem Schreibtisch vorbereiten. Eine Frage, auf die viele Schreiber nur allzu gerne antworten. Selbst Ernest Hemingway, der sich selten über seine Schreibgewohnheiten ausließ, fasste es kurz und prägnant zusammen: “Über das Schreiben gibt es nichts zu sagen. Du musst dich einfach vor deine Schreibmaschine setzen und bluten.“ Ein anderes Besispiel ist Thomas Mann, der seine eigenen Probleme auf literarische Alter Egos projektierte. So schrieb er über Spinell: „Für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, dass ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.“

Kurzum: schreiben ist leiden. Und so verbrachte ich endlose Stunden damit, abgestumpft Wörter aufs Papier zu pressen. Es war, als ob ich mit angezogener Handbremse einen Berg erklimmen wollte. Ich quälte mich ab und war frustriert und gelegentlich ließ ich mich ein Stückchen zurückrollen, dabei wollte ich doch so gerne den Gipfel erreichen. Irgendwann kam mir die Frage, ob dieses Leiden wirklich nötig sei. Mußte es so beschwerlich sein? Gab es nicht eine andere Art zu schreiben? Und überhaupt:

 

Woher kommt die Überzeugung, dass das Schreiben eine mühsame Plackerei ist?

 

Sie geht zurück auf die romantische Konzeption des Künstlers als melancholischem, leidendem Genie; einem Menschen der nur für die Kunst lebt, eins ist mit seinem Werk; einem unangepassten Outsider, der sich nicht in gesellschaftliche Strukturen einbinden kann oder will. Niemand versteht ihn, obwohl er wie kein anderer dem jeweiligem Zeitgeist Ausdruck verschafft. Um sein Werk – keine Texte, Essays, Erzählungen, Romane, sondern ein großes, ganzes Lebenswerk – zu erschaffen, verzehrt es ihn in einsamer Seelenqual und erst die Nachwelt ist imstande, das WERK in seiner wahren Größe zu beurteilen. Kreativität und Leiden gehören zusammen.

Diese Auffassung beeinflußt unser Denken und Fühlen bis heute.

Das hat unweigerlich zur Folge, dass Schreiber einem unerreichbaren Ideal nachstreben. Ihre Augen sind auf den Horizont gerichtet. Jedes Wort wird mit einem unwirklichen Luftschloss verglichen, jeder Satz gemessen am Opus, das noch kommen soll. Je mehr sie an sich selbst zweifeln und sich abquälen, desto besser, schließlich ist das ein Merkmal wahren Künstlertums. Kein Wunder, dass die Literaturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts übersät ist mit Whiskeyflaschen und Nervenzusammenbrüchen.

Dabei ist das Schreiben eigentlich eine Arbeit wie jede andere. An manchen Tagen geht es einem leichter von der Hand, an anderen Tagen schwerer. Aber es sollte einem immer Freude bereiten. Freude  – die einfache Freude am Schreiben, daran Gedanken und Ideen in Worte zu fassen, Wort für Wort.

Und so habe ich wieder angefangen, zu schreiben. Jeden Tag eine neue Wanderung, manchmal durch liebliche Felder und Wiesen, manchmal über steinige Pfade und manchmal auf Holzwegen. Aber immer mit Vergnügen an den unendlichen Möglichkeiten der Sprache. Immer mit Herz und Seele bei dem einen Text.

 

Vielleicht können wir uns auch ein Beispiel nehmen an Elizabeth Gilbert. Um die Leidensfalle zu umseilen, hat sich die Bestsellerautorin ihren eigenen Schreibmythos erschaffen:

 




3 Comments

  1. Liebe Camelia,
    sehr schöner motivierender Artikel, vielen Dank dafür! Vor allem durch die Erzählung von deinem eigenen Weg ist das sehr anschaulich geworden.
    Schöne Grüße!
    Andreas

  2. Liebe Camelia,
    ich glaube es ist etwas von allem: Schreiben ist Leben, das heißt, es ist mal Leiden, hohe Konzentration, dann wieder unbändige Freude. Es gehört alles dazu. Aber du hast natürlich Recht, diese Glaubenssätze brauchen wir nicht mehr: Um ein guter Schriftsteller zu sein, muss ich der Welt entrücken oder mich quälen…oder: Ich bin allein…oder: Niemand versteht mich…oder: Ich muss leiden, um schreiben zu können…

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