Die Library Bar in Amsterdam

Einer der bestbewahrten Geheimtipps für Literaturfreunde ist die Library Bar des Ambassade Hotels in Amsterdam. Wie der Name schon sagt, kann man hier, umgeben von Bücherregalen, seinen Durst – nach Weisheit und Stärkerem – stillen. Es sind natürlich nicht irgendwelche Bücher, die die Regale füllen. Alle Exemplare sind signierte Erstausgaben von Autoren wie Isabel Allende, George R.R. Martin, Salman Rushdie, Zadie Smith oder Herta Müller.

Die Bibliothek verteilt sich auf zwei aneinandergrenzende Räume im Souterrain des Hotels. Das sanfte, schrägeinfallende Licht sorgt für eine angenehme Atmosphäre, während die gemütlichen Clubsessel zum Verweilen einladen. Das Ticken der Schachuhren und das Klappern vorbeilaufender Passanten geben der gelassenen Ruhe einen leichten Rhythmus.

library bar

Entstanden ist die Bibliothek Mitte der 80er Jahre, eigentlich rein zufällig. Das Ambassade Hotel liegt in einer Bucht der Herengracht, in der die großen Literaturverlage ihren Sitz hatten. Überdies waren traditionsreiche Buchhandlungen, wie Scheltema oder Athenaeum, in der Nähe. Aufgrund dieser Lage im Herzen der Literaturszene organisierte man Pressekonferenzen im “Hotel nebenan”, und Schriftsteller, die von weit her anreisen mussten, übernachteten im Hotel. Oft blieben nach Presseveranstaltungen und Signierstunden noch zahlreiche Exemplare der kistenweise herbeigeschleppten Bücher liegen. Eines Tages fragte Wouter Schopman, damaliger Hotelbesitzer, der selbst noch regelmäßig hinter der Rezeption stand und Gäste empfing, ob er nicht ein signiertes Buch für das Hotel behalten durfte. Wie gesagt, so getan und im Laufe der Jahre sammelten sich so einige Bücher an. Offiziell wurde die Bibliothek im Jahr 2000 eröffnet. Mittlerweile besteht die Sammlung aus über 4.000 Büchern. Die meisten sind, wie man der Entstehungsgeschichte nach erwarten kann, Niederländische Erstausgaben.

Wouter Schopman hat auch in anderen Aspekten seinen persönlichen Stempel hinterlassen. So war er mit Künstlern der Cobra Bewegung befreundet, deren Werke er sammelte. Die Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen aus der Sammlung des Hotelbesitzers zieren jetzt die öffentlichen Räume des Hotels und die Hotelzimmer.

library bar brasserie_ambassade_2

Vor zehn Monaten wurde die Bibliothek nach umfangreichen Renovierungsarbeiten als Library Bar wiedereröffnet. Das Interieur wurde dabei bis ins kleinste Detail von den spanischen Architekten Cruz y Ortiz, die auch für die Erneuerung des Rijksmuseums verantwortlich waren, entworfen. Auch die Zusammenarbeit an diesem Projekt entstand ganz spontan. Während ihrer langjährigen Arbeit beim Rijksmuseum verblieben die Architekten regelmäßig im Ambassade Hotel. Eines Tages sprachen sie den Geschäftsführer an, ob er nicht Zeit habe für ein Gespräch, sie hätten nämlich ein paar Ideen. Der Geschäftsführer hatte Zeit, und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

library bar bbrasserie_ambassade_1

Die Tradition der Pressetermine und Buchpräsentationen hat sich bis heute erhalten. So verbleiben zum Beispiel die Nominierten für den Libris Literaturpreis jedes Jahr vor der Preisvergabe im Ambassade Hotel. Der Libris Preis ist die Niederländische Version des Booker Preises und gilt als einer der angesehensten Preise für Niederländische Literatur. Auffallend ist, dass alljährlich sechs besonders gutgelaunte Gäste im Hotel ankommen. Beim Abschied ist dann nur noch eine Person gutgelaunt und fröhlich. Es ist sogar schon einmal vorgekommen, dass ein Schriftsteller gleich nach der Preisvergabe ausgecheckt ist und erst gar nicht im Hotel übernachtet hat. Aber im allgemeinen, so habe ich mir sagen lassen, sind Schriftsteller sehr anspruchslose Gäste. Dennoch bemüht man sich, ihnen immer die schönsten Zimmer mit Aussicht auf die Grachten zu reservieren.

Im Laufe der Jahre haben auch andere kulturelle Organisationen das Ambassade Hotel entdeckt. Seit einiger Zeit arbeitet das Hotel insbesondere mit Filmproduzenten und Filmanbietern wie Cinéart zusammen. Und so kommt es, dass hier Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker, Politiker und andere, mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten ein und aus gehen.

Neben der Buchsammlung besitzt das Hotel auch Gästebücher, in denen sich die berühmten Gäste verewigen können. Mittlerweile ist das siebzehnte Gästebuch in Gebrauch. Es ist immer wieder eine Herausforderung an die Rezeptionisten, den richtigen Moment für die Bitte um einen Beitrag abzuwarten. Wer auf das Taxi zum Bahnhof oder Flughafen wartet, kann meist nur noch ein flüchtiges Dankwort hinkritzeln. Wer Zeit hat, schreibt etwas mehr oder verschönert die Seite gar mit einer Zeichnung.

library bar gastenboek 2

Das Hotel selbst dient gelegentlich als Schauplatz für Romanhandlungen. So wurde Arnon Grünberg, ein vielgesehener Gast des Hotels, zu der Kurzgeschichte “De receptioniste” inspiriert. Andere Beispiele sind Donna Tartts “Distelfink” oder Martin Walsers “Tod eines Kritikers”. Eine passendere Form der Wertschätzung kann man sich kaum vorstellen.

In den letzten drei Jahrzehnten hat das Ambassade Hotel alle Entwicklungen des Literaturbetriebs hautnah miterlebt. Es kamen viele Eintagsfliegen vorbei. Andere Autoren hingegen kehrten immer wieder zurück. Und wieder andere, wie Günter Grass oder Gabriel Garcia Marquez weilen nicht mehr unter uns.

Unbemerkt von der Außenwelt fand hier eine außergewöhnliche Transformation statt: ein ganz gewöhnliches Hotel verwandelte sich in eine literaturhistorische Schatztruhe.

Ein besonderer Ort, der sicher einen Besuch wert ist!

 

Library Bar, Herengracht 339, 1016 AZ Amsterdam

Ich danke Herrn Douma für das nette Gespräch und für die kleine Führung durch die Bibliothek.

 

 

Hier könnt ihr euch für den monatlichen Newsletter anmelden:

* indicates required






2 Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *